CME-Fortbildung aus CHAZ 6/2022

Adipositas und Tumorerkrankungen

Till Hasenberg, Barbara König

Die Zahl übergewichtiger und adipöser Menschen nimmt weltweit zu. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass über 600 Millionen Menschen weltweit von Adipositas betroffen sind [1]. In den nächsten zehn Jahren erwartet man eine Zunahme der Adipositas unter Kindern und Jugendlichen um mehr als 60 Prozent. Im Alltag ist die Einteilung von Übergewicht und Adipositas mit Hilfe des Body-Mass-Index etabliert, der die Körpergröße in Bezug zum Körpergewicht setzt. Ein BMI bis 24,9 kg/m² gilt als normal. Übergewicht ist definiert als BMI 25–29,9 kg/m², Adipositas als BMI ≥30 kg/m². Im Allgemeinen wird Adipositas in drei Schweregrade mit zunehmendem Risiko für Folgeerkrankungen eingeteilt. Ab einem BMI >40 kg/m² spricht man von einer morbiden Adipositas oder einer Adipositas Grad 3. In Deutschland liegt die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Frauen bei 53 Prozent (BMI >25) bzw. 24 Prozent (BMI >30). Zwei Drittel aller Männer in Deutschland (65 %) sind übergewichtig (BMI >25).

Adipöse leiden oftmals nicht nur unter ihrem Gewicht, sondern auch unter zahlreichen Adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen

Die Betroffenen leiden oftmals nicht nur unter ihrem Gewicht, den damit verbundenen Einschränkungen im Alltag und der psychischen und sozialen Stigmatisierung, sondern auch unter zahlreichen Adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, arterieller Hypertonie und Fettlebererkrankungen, um nur einige zu nennen. Neben diesen schon seit langem diskutieren Adipositas-assoziierten Begleiterkrankungen richtet sich der Fokus zunehmend auch auf den Einfluss eines krankhaften Übergewichts auf die Entwicklung maligner Erkrankungen – auch vor dem Hintergrund, dass Adipositas grundsätzlich als vermeidbare oder ursächlich behandelbare Krebsursache angesehen werden muss. Bei der Betrachtung von Adipositas und Krebs darf der Blick daher nicht ausschließlich auf den Adipositas-assoziierten Effekten auf die Prävalenz der Erkrankung liegen, sondern muss sich auch auf Themen wie Krebsvorsorge, Krebsdetektion, Tumortherapie und Prognose richten.

Der Zusammenhang zwischen steigendem Körpergewicht und dem vermehrten Auftreten maligner Erkrankungen wird seit langem beobachtet

Zahlen aus den USA zeigen, dass ein relevanter Anteil maligner Erkrankungen auf Tumore entfällt, bei denen ein Zusammenhang mit dem Übergewicht belegt ist. So gelten bei Frauen mehr als die Hälfte und bei Männern gut ein Viertel aller Tumor­diagnosen als grundsätzlich adipositasassoziiert. Die Gender-Unterschiede können mit der deutlichen Gewichtsabhängigkeit gerade von gynäkologischen Tumoren wie dem Endometrium-, Ovar- oder postmenopausalen Mammakarzinom erklärt werden [2]. Aktuell wird bei mehr als 20 Tumorentitäten ein Zusammenhang mit der Adipositas beschrieben: So zeigte eine Untersuchung der International Agency for Research on Cancer (IARC) 2016, die eine Vielzahl epidemiologischer Studien zusammenfasste, dass das Risiko einer Tumorerkrankung von Kolon, Rektum, Magen (Kardia), Leber, Gallenblase, Pankreas, Niere und Ösophagus mit dem BMI der Betroffenen steigt. So beschreiben die Autoren exemplarisch, dass das relative Risiko für die Entwicklung eines ösopahgealen Adenokarzinoms bei einem BMI von größer 40 kg/m2 fast fünfmal höher als bei Normalgewichtigen ist [3].
Eine Kohortenstudie mit prospektiv erfassten Daten der UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD) mit über fünf Millionen ausgewerteten Datensätzen zeigte ein annähernd linear steigendes Risiko für Malignome des Uterus, der Gallenblase, der Nieren, der Zervix und der Schilddrüse [4]. Die britischen Untersuchungen, aber auch Untersuchungen des World Cancer Research Fund zeigen einen Zusammenhang zwischen steigendem Body-Mass-Index und dem Krebsrisiko. So beschreiben die Autoren eine Erhöhung des Krebsrisikos mit einem Anstieg des BMI um jeweils 5 kg/m2 abhängig von der Tumorentität von fünf Prozent beim kolorektalen Karzinom und bis zu 48 Prozent beim Ösophaguskarzinom (Adenokarzinom) – auch für das Endometriumkarzinom wird eine Verdopplung des Krebsrisikos je 5 kg/m2 beschrieben.
Für Deutschland wird geschätzt, dass mehr als 30 000 (6,9 %) der 440 000 Krebsneuerkrankungen bei den 35- bis 84-Jährigen im Jahr 2018 ursächlich auf das Übergewicht der Betroffenen zurückgeführt werden können. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern aber auch den verschiedenen Tumorarten; so sollen 13,2 Prozent der kolorektalen Karzinome, 24,4 Prozent der Lebertumore und 25,1 Prozent der Nierenkarzinome ursächlich mit dem Übergewicht der Betroffenen zusammenhängen. Bei den gynäkologischen Tumoren wird ein Zusammenhang mit dem Übergewicht bei 35,4 Prozent der Tumore der Gebärmutter, 13,8 Prozent der Ovarialkarzinome und neun Prozent der postmenopausalen Mammakarzinome hergestellt [7].

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