CME-Fortbildung aus CHAZ 9-2019
Karsten Knobloch
Stressfrakturen – Update 2019
Vor nunmehr rund zehn Jahren wurde in der CHAZ der Beitrag „Von der Stressreaktion bis zur Stressfraktur im Sport“ veröffentlicht [1]. Mittlerweile ist ein Update über die Entwicklungen der letzten Dekade für diesen Überlastungsschaden angezeigt – insbesondere auch eingedenk der Welle der Hobbyausdauerathleten als Marathonläufer und Triathleten. In den vergangenen zehn Jahren wurde eine Reihe an neuen Erkenntnissen gewonnen vor allem im Hinblick auf die Exposition bzw. das „Loading“ von Strukturen des Bewegungsapparates wie Sehnen, Muskeln und Knochen. Ferner sind sowohl hinsichtlich der Risikofaktoren, aber auch hinsichtlich der Diagnose- und Therapieoptionen substantielle Fortschritte erzielt worden.
Eine Expertengruppe des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat im British Journal of Sports Medicine eine zweiteilige Konsensusempfehlung zur Belastungssteuerung vorgelegt. Teil 1 thematisiert „loading and risk of injury in sport“ [2]. An dieser Stelle sei ein kurzer, aber für das Verständnis von Überlastungsschäden essentieller Exkurs in die Trainingswissenschaft erlaubt: Ziel eines körperlichen Trainings ist die Verbesserung der Fitness mit verbesserter Leistungsfähigkeit auf dem Boden biologischer Adaptationsvorgänge auf den Belastungsreiz (load). Das Verhältnis des Belastungsreizes (loading) zur Erholung über die Zeit bestimmt, ob die funktionelle Kapazität des Organismus zunimmt, was ein Ziel körperlichen Trainings darstellt. Folgt der zweite Belastungsreiz zu einem Zeitpunkt erhöhter Kapazität (nach ausreichender Regeneration), so spricht man von Superkompensation (Abb. 1).
Schon in den 1990er Jahren wurde ein Zusammenhang zwischen der Trainingsbelastung und der Verletzungsanfälligkeit thematisiert, so von Baker in seinem „injury fact book“ oder von Kibler et al. [3, 4]. Nicht ausreichender Respekt bzw. Nichtbeachtung der Balance zwischen Belastung und Erholung kann zu verlängerter Ermüdung und unzureichender Trainingsantwort im Sinne einer Maladaptation führen – mit einem erhöhten Risiko für Überlastungsschäden (Abb. 2).
In diesem Zusammenhang kann das „well-being continuum“ von Fry verstanden werden, welches das Verhältnis von Belastung (Loading) und Regeneration (Recovery) gegenüberstellt und als Balance eben wie Yin und Yang als Ganzes verstanden werden sollte (Abb. 3) [63].
Tim Gabbett analysierte den Wechsel des Trainingsumfangs pro Woche in Bezug auf die Verletzungswahrscheinlichkeit – sprich:
- Laufkilometer/Woche
- Schwimmkilometer/Woche
- Tennisstunden/Woche
- im Volleyball Sätze/Woche
- im Fußball Minuten Spielzeit/Woche
Dabei stellte sich heraus, dass bereits eine Trainingsumfangsveränderung von 15 Prozent von Woche zu Woche das Verletzungsrisiko dramatisch von rund acht Prozent bei zehn Prozent wöchentlicher Trainingssteigerung auf mehr als 20 Prozent bei 15 Prozent wöchentlicher Trainingssteigerung erhöht (W Abb. 4) [64].
Im Sport sind Stressfrakturen eine insgesamt seltene Verletzung, wenngleich die Häufigkeit bei Läufern ansteigt
Die Erstbeschreibung der Stressfraktur erfolgte 1855 durch Breithaupt bei deutschen Soldaten, die sich infolge von Märschen die sogenannte Marschfraktur am Mittelfuß zuzogen. Die Stressfraktur des Knochens entsteht infolge ungewohnter, wiederholter Beanspruchungen. In der Regel heilen Stressreaktionen und Stressfrakturen des Knochens folgenlos aus, jedoch kann insbesondere die späte Diagnose den Heilungsverlauf gerade bei ambitionierten Athleten verzögern.
„Olympic victors were those who did not squander there power by early and overtraining“ (551 v. Chr.) [65].
Während bei Analyse aller Militärangehörigen die Rate an Stressfrakturen bei 3/1000 liegt, ist diese Rate bei neuen
Rekruten substantiell erhöht [5]:
- 19/1000 bei männlichen Rekruten der US Army
- 80/1000 bei weiblichen Rekrutinnen der US Army
Auch die Ethnie des Militärpersonals spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle: Non-Hispanic white women zeigten in einer Analyse von 21 549 Stressfrakturen bei 1,3 Millionen Militärangehörigen das höchste Stressfrakturrisiko [6]. Im Sport sind Stressfrakturen eine insgesamt seltene Sportverletzung (1 % aller Sportverletzungen), wenngleich die Häufigkeit bei Läufern ansteigt (10–25 %) und insbesondere weibliche Läuferinnen die höchste Rate zeigen (bis 45 %) [7]. Eine epidemiologische Untersuchung aus US-amerikanischen Highschools der Jahre 2005 bis 2013 mit 51 773 Gesamtverletzungen und mehr als 25 Millionen Sportexpositionen ergab [8]:
- 0,8 Prozent aller Sportverletzungen sind Stressfrakturen
- 1,54/100 000 Athletenexpositionen
- Frauen 63 Prozent vs. Männer 37 Prozent
- Betroffen ist der Fuß in 35 Prozent, gefolgt von LWS/Becken mit 15 Prozent
Eine Untersuchung von Philipp Niemeyer und Philip Kasten bei 19 Kindern und Jugendlichen mit insgesamt 21 Stressfrakturen zeigte bei einem mittleren Alter der Sportler von 14 Jahren vor allem bei Ausdauersportlern die Mittelfußstressfraktur und bei Sportlern mit häufigen Stop-and-go-Bewegungen insbesondere das Schienbein als Ort der Stressfraktur [9].
