Fortbildung aus CHAZ 1+2/2021
Patrick Zardo, Norman Zinne, Alaa Selman, Tobias Goecke, Hayan Merheij, Henning Starke, Mareile Zwingmann, Axel Haveric
Non-intubated video-assisted thoracic surgery – gestern, heute und morgen
Gestern. Erfahrungen bei der Durchführung von Lungeneingriffen unter Spontanatmung gibt es seit über 150 Jahren, als der irische Urologe Sir Francis Richard Cruise bei einer Tuberkulose-Patientin erstmalig erfolgreich ein Neitzsches Zystoskop zur diagnostischen Thorakoskopie eingesetzt hatte. Pioniere wie Hans-Christian Jacobaeus oder Alexander Wischnewski halfen dem Verfahren zu einer eindrucksvollen ersten Blüteperiode, bevor der schwedische Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Eric Carlens 1949 den Doppellumentubus erfand, und die Ära der Lungenchirurgie in Einzellungenventilation einläutete. In den 1990er Jahren begann das Zeitalter der Video-assistierten anatomischen Lungenchirurgie mit Beschreibungen erster minimalinvasiver Lobektomien, unter anderem durch den italienischen Chirurgen Giancarlo Roviario. Seitdem hat sich diese Form der Chirurgie gegen initiale Skepsis auch hierzulande auf breiter Front durchgesetzt, und minimalinvasive thoraxchirurgische Operationstechniken werden national und international inzwischen als Goldstandard akzeptiert.
Die Lungenresektion unter Spontanatmung vermeidet verschiedene Nachteile der maschinellen Beatmung
Kurze Zeit später wurde es in ausgewiesenen Zentren möglich, bei ausgewählten Patienten mit eingeschränkter Lungenfunktion gänzlich auf eine orotracheale Intubation zu verzichten, um eine anatomische Lungenresektion unter Spontanatmung durchzuführen (non-intubated VATS,
niVATS). Hierdurch ist es möglich, Nachteile einer maschinellen Beatmung, wie die Ausschüttung proinflammatorischer Zytokine, den mechanischen Schaden auf Alveolarebene durch Barotrauma und eine Atelektasenbildung der abhängigen Lunge durch Gabe von Muskelrelaxanzien zu vermeiden. Insgesamt begann die Wiederentdeckung der Lungenchirurgie unter Spontanatmung – inzwischen unter Einsatz moderner Videotechnik – schrittweise Ende der 1990er Jahre mit Talkumpleurodesen bei Pneumothorax [1] beziehungsweise mit der Applikation von Fibrinkleber bei Hochrisikopatienten [2]. Anfang der 2000er wurden dann zunächst extraanatomische [3], später auch anatomische Lungenresektionen [4] durchgeführt, bevor im Jahr 2018 die ersten Lobektomien unter Spontanatmung in Deutschland erfolgten [5].
Während sich kleinere niVATS-Eingriffe zunehmend auf breiter Front etablieren, bleiben anatomische Resektionen weiterhin den großen Zentren vorbehalten
Aktuell koexistieren im Grunde genommen zwei Grundformen der niVATS, die sich in wesentlichen Punkten unterscheiden: Major- und Minor-Prozeduren. Während sich kleinere Eingriffe zunehmend auf breiter Front etablieren, bleiben anatomische Resektionen weiterhin den großen Zentren vorbehalten. Eine Ende 2018 durchgeführte Erhebung an deutschen thoraxchirurgischen Kliniken durch die Kölner Arbeitsgruppe von Stoelben et al. bestätigt diesen Eindruck [6]. Zwar führen insgesamt 32 Kliniken in Deutschland inzwischen regelmäßig niVATS-Prozeduren durch, jedoch erfolgen nur an drei Häusern regelhaft auch Lobektomien via niVATS. Als Hinderungsgründe für den Start eines niVATS-Programms werden insbesondere mangelnde Erfahrung, Zweifel an der Durchführbarkeit und fehlende Indikationen angeführt. Das Feedback von Teilnehmern an in unserem Hause angebotenen Masterclass-Kursen mit Live-Operationen vor Ort untermauert diese Erfahrungen. Der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg ist ein stringentes simultanes Coaching von Anästhesisten und Chirurgen, die zu einer eingespielten Einheit formiert werden müssen. Detaillierte Beschreibungen der entscheidenden intraprozeduralen Schritte, die sich nicht ausschließlich auf die rein chirurgischen Techniken beschränken, sondern auch auf relevante Aspekte der Analgesie- und Sedierungsverfahren eingehen, können zusätzliche Hilfestellung beim Aufbau eines entsprechenden Programms leisten [7].
