Fortbildung aus CHAZ 1-2020

Martin Rupprecht, Michael Kertai

Magnesium-basierte Implantate im Kindes- und Jugendalter. Indikationen und Ergebnisse

Titan, Kobalt-Chrom, Zirkonium oder Stahl sind nach wie vor die Standardmaterialien für nicht-resorbierbare Osteosynthese-Implantate. Nach erfolgter Frakturkonsolidierung werden diese Implantate i.d.R. wieder entfernt. So empfiehlt die aktuelle Leitlinie zur Metallentfernung (Juli 2018) dieses gerade bei Kindern und Jugendlichen durchzuführen [1]. In der orthopädischen und traumatologischen Chirurgie besteht schon länger der Wunsch nach resorbierbaren Implantaten. Mehrere Werkstoffe und Werkstoffkombinationen (u.a. Polymere, Metalle, Keramiken und deren Kombination in Form von Kompositen) wurden untersucht. Die Anforderungen an das ideale Implantat liegen dabei auf der Hand:

  • Es sollte die nötige Stabilität aufweisen,
  • die Frakturheilung unterstützen (osteokonduktive Eigenschaften),
  • Infektionen minimieren,
  • sich ohne gesundheitsschädigende Rückstände homogen auflösen und
  • in den benötigten Größen möglichst minimalinvasiv anzuwenden sein.

Magnesium-basierte Implantate finden in der Erwachsenen-Orthopädie und -Unfallchirurgie außerhalb von Studien seit 2013 Anwendung. Diese Implantate weisen neben einer hervorragenden Biokompatibilität gute biomechanische und osteokonduktive Eigenschaften auf [2–4]. Seit 2013 sind Magnesium-basierte Implantate (MAGNEZIX®) für Osteosynthesen zugelassen und kamen zunächst überwiegend bei Erwachsenen v.a. im Rahmen der elektiven Hallux-valgus-Chirurgie, später auch in der Unfallchirurgie (u.a. Skaphoid-Frakturen) zur Anwendung [5, 6]. Wir verwenden diese Implantate bei Kindern und Jugendlichen seit März 2018 und teilen hier unsere Erfahrungen und Ergebnisse bei unterschiedlichen Indikationen mit.

Bisher wurden 69 Patienten mit Magnesium-basierten Implantaten versorgt
Bisher wurden 69 Patienten mit diesen Implantaten (Pins und Kompressionsschrauben) versorgt, wobei die Implantate im Rahmen der Frakturversorgung, zur Stabilisierung osteochondraler Defekte, bei Osteochondrosis dissecans (OD) sowie bei Osteotomien zur Anwendung kamen. Der jüngste Patient war ein zweijähriger Knabe mit einer Condylus-radialis-Fraktur. Alle Frakturen sind zeitgerecht geheilt. Das postoperative Prozedere und die Nachbehandlung haben sich dabei nicht von dem nach „konventioneller Osteosynthese“ unterschieden. Grundsätzlich handelt es sich um nicht belastungsstabile Osteosynthesen.

Fallbeispiel 1 zeigt die Osteosynthese mit zwei Kompressionsschrauben (Länge 32 mm, Durchmesser 3,2 mm) bei Tillaux-Fraktur eines 13 Jahre alten Mädchens. Sechs Wochen postoperativ zeigten sich die knöcherne Konsolidierung und eine periimplantäre radioluzente Zone als Ausdruck des Degradationsprozesses. Vier Monate postoperativ war die radioluzente Zone deutlich regredient (Abb. 1).

Abbildung 1_Radioluzente Zone (s. Pfeil) als Ausdruck des Korrosions­prozesses im Röntgenbild (Fallbeispiel 1).

Fallbeispiel 2 zeigt die Behandlung eines siebenjährigen Jungen mit knöchernem Eminentia-Ausriss nach Fahrradsturz. Die Eminentia wurde reponiert und mit zwei Kompressionsschrauben stabilisiert. Auch hier zeigte sich sechs Wochen postoperativ die regelrechte Frakturheilung mit periimplantärer radioluzenter Zone. 4,5 Monate nach der Operation spielte der Junge wieder Fußball und nahm am Schulsport teil (Abb. 2).

Fallbeispiel 3 zeigt die Versorgung eines 13 Jahre alten Jungen nach Sturz und Luxation des rechten Ellenbogens mit Fraktur des Epipcondylus ulnaris. Nach Reposition der Luxation in Narkose erfolgte die offene Refixation des Epicondylus mit einer 4,8-mm-Magnesiumschraube. In der Kontrolle nach vier Wochen zeigte sich eine regelrechte Konsolidierung (Abb. 3).

Fallbeispiel 4 Hier ist nochmals die Behandlung eines knöchernen Eminentia-Ausrisses dargestellt. Dem 13-jährigen Jungen war ein schweres Möbelstück auf das linke Knie gefallen. Er hatte sich hierbei neben dem knöchernen Kreuzbandausriss auch einen knöchernen Außenbandausriss zugezogen. Während die Fraktur der Eminentia intercondylaris mit einer 3,2-mm-Schraube versorgt wurde, wurde das Außenband mit zwei 2-mm-Pins refixiert. Die Röntgenbilder zeigen zunächst die radioluzente Zone in der Vier-Wochen-Kontrolle bei bereits deutlicher Konsolidierung. Im weiteren Verlauf verschwindet dann die radiologische Aufhellung. Ein Jahr nach der Fraktur ist der Schraubenkopf im knorpeligen Bereich der Fraktur vollständig resorbiert (Abb. 4).

Fallbeispiel 5 Unser bisher jüngster Patient hatte sich nach einem Sturz eine dislozierte Condylus-radialis-Fraktur zugezogen. Nach Aufklärung der Familie über die bisher nur wenigen Fälle einer Versorgung solcher Frakturen durch resorbierbares Osteosynthesematerial haben wir uns gemeinsam für die Verwendung einer Magnesiumschraube entschieden. Wir verwendeten eine 3,2-mm-Kompressionsschraube. Zusätzlich wurde ein epiphysärer Kirschner-Draht aus Stahl zur Sicherung der Rotation eingebracht. Dieser Draht gehört in unserer Versorgung zum Standardvorgehen unabhängig vom Material der Schraube. Der Draht wurde epikutan belassen und konnte (wie sonst auch üblich) ohne weitere Narkose nach Konsolidierung der Fraktur entfernt werden. Sowohl bei diesem Patienten, als auch bei den übrigen drei haben wir bisher – bei einem maximalen Nachuntersuchungszeitraum von 15 Monaten – stets problemlose Ausheilungen und keine Wachstumsstörung gesehen (Abb. 5).

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