Fortbildung aus CHAZ 11+12/2020

Bert Reichert

Besonderheiten von Verbrennungen an der Hand

Tiefreichende Brandverletzungen heilen nicht narbenfrei ab. An der Hand sind Narben nicht nur ein kosmetisches Pro­blem, sondern können erhebliche funktionelle Einschränkungen nach sich ziehen. Mehrere Umstände können einem idealen Behandlungsergebnis entgegenstehen:

  • Die Einschätzung der Verbrennungstiefe erfolgt fehlerhaft.
  • Der optimale Zeitpunkt einer Nekrosektomie wird verpasst, Infektionskomplikationen treten hinzu.
  • Die Nekrosektomie wird technisch inkorrekt durchgeführt: Zerstörtes Gewebe verbleibt bzw. intaktes Gewebe wird entfernt.
  • Bei der Bedeckung mit einem freien Hauttransplantat werden die funktionellen Erfordernisse nicht beachtet: Am Handrücken wird so viel Haut benötigt, dass sie auch bei der Beugung der Fingergelenke noch ausreicht. Die Deckung in gestreckter Stellung der Finger verführt dazu, zu kleine Transplantate zu verwenden.
  • Die für die Einheilung der Transplantate erforderliche Immobilisation erfolgt in einer funktionell ungünstigen Stellung, Gelenkkontrakturen verbleiben.
  • Die Immobilisation erfolgt zu lange, aktive und passive Mobilisation werden unnötig verzögert.
  • Die Narbentherapie erfolgt unsachgemäß oder gar nicht.
  • Kontrolluntersuchungen bis zur Narbenreife unterbleiben, die Notwendigkeit von – manchmal sehr geringfügigen, aber hoch effektiven – Korrektureingriffen wird nicht erkannt.

National wie international gilt daher die Empfehlung, tiefgradige Brandverletzungen der Hände grundsätzlich in Zentren für Schwerbrandverletzte behandeln zu lassen [1].

Von großer Bedeutung ist, an welcher Stelle die Hitzeschädigung stattgefunden hat

Berührt man heiße Oberflächen, so ist meist die Palmarseite der Hand betroffen, also der Bereich der Leistenhaut, die vergleichsweise dick und widerstandsfähig ist. Reflektorisch zieht man die Hand von heißen Oberflächen zurück, die Kontaktzeit ist gering. Auf der Beugeseite sehen wir daher relativ selten tiefreichende Brandverletzungen. Ausnahmen sind zum Beispiel Zonen ohne Sensibilität, wie nach Verletzungen peripherer Nerven. Der Schmerzreflex setzt dann nicht ein. Die streckseitige Haut an Fingern und Hand­rücken ist dünner und daher deutlich empfindlicher, Brandverletzungen führen hier zu komplexeren Schädigungsmustern.
Bei der Einschätzung der Verletzungsschwere muss man nicht nur einen klinischen und gegebenenfalls apparativen Befund erheben, sondern muss auch den Unfallhergang berücksichtigen.
Hitzeeinwirkungen durch Kontakt mit heißen Oberflächen wirken zumeist nur kurz, die verletzte Person wird normalerweise versuchen, die Hand reflektorisch zurückziehen. Auch bei einem Lichtbogen durch elektrische Spannung ist die Schädigung auf einen kurzen Moment begrenzt. Demgegenüber sind Verbrühungen durch heiße Dämpfe, Gase und insbesondere Flüssigkeiten deutlich länger schädigend wirksam, auch wenn die Temperaturen hierbei geringer sein mögen. Kleinkinder verletzen sich bereits bei Flüssigkeits­temperaturen deutlich unter 100 Grad, beispielsweise durch heißen Tee, der aus einer umgekippten Tasse läuft.
Gefürchtet sind Brandverletzungen, bei denen brennbare Flüssigkeiten die Haut benetzen, so dass dort ein längerdauernder Verbrennungsprozess stattfindet. Bei der Explosion von Knallkörpern in der Hand kommt es zusätzlich zur thermischen Schädigung zu Zerreißungen der Weichgewebe und Frakturen sowie zur Inokulation von Schmauchpartikeln, wodurch die Anforderungen an ein präzises Débridement besonders hoch sind.
Bei einem Elektrotrauma kann der Unerfahrene übersehen, dass es zu einem Stromdurchfluss gekommen sein kann. Es ist von großer Bedeutung, nach Strommarken zu suchen, durchaus auch weit entfernt vom vordergründig berichteten Verbrennungsareal.

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