Fortbildung aus CHAZ 11+12/2021
Der Einsatz von xenogenem piscinen Hautersatz bei Verbrennungen und Weichgewebedefekten
Jana Holtermann, Christoph Wallner, Björn Behr, Marcus Lehnhardt
Für Verbrennungswunden und Weichgewebedefekte anderer Genese gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Die Therapie der Wahl ist abhängig von mehreren Faktoren. Neben Lokalisation, Ausmaß und Tiefe des Weichgewebedefekts sind auch die Begleitverletzungen und Komorbiditäten sowie die Patientenwünsche sowie die verfügbare Infrastruktur entscheidend. Das Ziel ist eine zeitgerechte, möglichst schmerz-, komplikations- und narbenarme Wundheilung zu erreichen.
Erstgradige Verbrennungen der Epidermis ohne substanziellen Gewebeverlust werden konservativ mit pflegenden Salben behandelt [1]. Ab tieferen zweitgradigen Verbrennungen, die bis in die Dermis reichen, ist ein Wunddébridement mit anschließender Wundabdeckung durch Okklusivverbände oder temporäre Hautersatzmaterialien wie beispielsweise Suprathel® erforderlich [1].
Der Goldstandard Spalthauttransplantation weist Limitationen hinsichtlich Verfügbarkeit und Hebedefekt-Morbidität auf
Tiefzweitgradige und drittgradige Verbrennungswunden sind durch Gewebedefekte bis in die tiefe bzw. die gesamte Dermis definiert. Durch die Etablierung des Behandlungsprinzips der zeitnahen Nekrektomie und Defektdeckung wurde eine deutliche Reduktion der Mortalität und Morbidität von Verbrennungspatienten erreicht [2–4]. Der aktuelle Goldstandard zur Deckung tiefer Wunden ist die autologe Spalthauttransplantation [1]. Diese weist jedoch Limitationen auf. Ihre Verfügbarkeit bei schweren Verbrennungen mit einem hohen Anteil verbrannter Körperoberfläche (vKOF) sowie bei kritischem Allgemeinzustand des Patienten ist begrenzt. In solchen Fällen wird ein mehrzeitiges Vorgehen mit temporärer Wunddeckung und anschließender erneuter Spalthautentnahme und -deckung notwendig [1]. Dabei nimmt das Risiko für weitere Operationen, Komplikationen, eine verlängerte Krankenhausverweildauer und Rehabilitationsdauer zu. Zudem geht eine Spalthauttransplantation mit einer Hebedefekt-Morbidität einher, die unter anderem mit Schmerzen, einem erhöhtem Risiko für Infektionen, und einer verminderten Hautqualität verbunden ist [5–7]. Aus funktionellen und ästhetischen Gründen werden zudem an Hand, Gesicht, Hals und Dekolleté ungemeshte Transplantate verwendet [1].
Ziel ist eine frühzeitige und vollständige Deckung ohne Hebedefekt bei möglichst großer funktioneller und ästhetischer Ähnlichkeit zur gesunden Haut
Kerecis Omega3 Wound (Kerecis® Omega3 Wound, Isafjordur, Island) ist eine azelluläre intakte Matrix aus Fischhaut. Sie stammt vom isländischen Kabeljau aus dem Nordatlantik. Verglichen mit xenogenem Hautersatz von Säugetieren wird sie nur minimal verarbeitet, so dass ihre Struktur und Bestandteile bewahrt werden. Dies wird zum einem ermöglicht durch ihr geringeres Übertragungsrisiko von bakteriellen, viralen und Prionen-Erkrankungen [10, 11]. Zum anderen weist die Fischhaut ein geringeres Risiko für inflammatorische und autoimmune Reaktionen auf [12–14]. Ein weiterer Nachteil der Hauttransplantate von bestimmten Säugetieren ist zudem die kulturelle oder religiöse Ablehnung – auch hier ist die Fischhaut vorteilhaft [19, 20].
Pisciner Hautersatz bietet Vorteile hinsichtlich Verarbeitung, Krankheitsübertragung und Autoimmunreaktionen im Vergleich mit allogenem und xenogenem Hautersatz
Die Omega3-Fischhaut von Kerecis enthält Lipide und Proteine und ähnelt stark der menschlichen Haut. Dabei zeichnet sie sich durch einen hohen Anteil mehrfach ungesättigter Omega-3-Fettsäuren aus, darunter vor allem Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Diese sind für ihre positiven Auswirkungen auf die Gesundheit bekannt und besitzen unter anderem antiinflammatorische, antibakterielle und antivirale Eigenschaften [21–25]. Darüber hinaus bildet die poröse Mikrostruktur der Fischhaut ein Gerüst für ein effizientes Einwachsen von Hautzellen und Kapillaren [10, 12].
Der piscine Hautersatz zeigt eine erhöhte Wundheilungsrate, schnellere Reduktion der Wundoberfläche sowie eine verbesserte Narbenqualität
Studien zum Einsatz der Fischhaut bei tiefen diabetischen und chronisch-venösen Ulzera zeigen erhöhte Wundheilungsraten und eine schneller Reduktion der Wundoberfläche [14, 26, 27]. Zudem gibt es Berichte über eine erfolgreiche Anwendung auf Sehnen und Knochen – was allerdings gesonderten Indikationen vorbehalten ist [26]. Studien zu Verbrennungswunden werden zunehmend durchgeführt und zeigen ebenfalls vielversprechende Behandlungsergebnisse [9].

Abbildung 1_ Anwendung von piscinem Hautersatz bei tiefgehenden Verbrennungen nach enzymatischem Débridement: Auflage der Fischhaut
