Fortbildung aus CHAZ 2+3-2020
Mika Rollmann, Steven Herath, Tim Pohlemann, Tina Histing, Benedikt Braun, Esther Herath
Osteoporose – ein Leitfaden für Chirurgen
Die Beachtung und Behandlung der Osteoporose gewinnt nicht zuletzt aufgrund des viel diskutierten demographischen Wandels auch für Chirurgen zunehmend an Bedeutung. Mit einer Prävalenz von 45 Prozent bei Frauen respektive 17 Prozent bei Männern in der Altersgruppe über 70 Jahren ist die Osteoporose eine relevante Begleiterkrankung geriatrischer Patienten [1]. Schätzungen zu Folge wird sich die genannte Bevölkerungsgruppe bis zum Jahre 2030 global gesehen verdoppeln [2].
Bei einem T-Score von ≤ –2,5 SD in der DXA und vorliegender Fraktur liegt eine manifeste Osteoporose vor
Bei der Osteoporose handelt es sich um eine systemische Skeletterkrankung, die durch eine verminderte Knochendichte sowie eine pathologische Veränderung der Mikroarchitektur des Knochens gekennzeichnet ist [3]. Die Entstehung einer Osteoporose wird neben Lebensalter und Geschlecht durch eine Vielzahl internistischer Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes mellitus oder COPD, Medikamente (z.B. Kortisonpräparate) und Noxen (z.B. Rauchen) begünstigt. Die Knochendichte wird üblicherweise durch eine Dual-Röntgen-Absorptiometrie – „dual energy X-ray absorptiometry“ (DXA) – gemessen. Um diese Messwerte vergleichen zu können, wird das Ergebnis hierbei nicht als absolute Dichte oder Flächendichte, sondern als T-Score angegeben. Dieser beschreibt die Abweichung der Knochendichte vom geschlechtsgleichen Dreißigährigen (peak bone mass) in Vielfachen der Standardabweichung. Nach Angaben der WHO liegt eine Osteoporose – bei Abwesenheit anderer Knochenpathologien – ab einem T-Score von ≤ –2,5 SD vor. Bei zusätzlich vorliegender Fraktur besteht per definitionem eine manifeste Osteoporose [4, 5]. Das hieraus resultierende Frakturrisiko geht nicht nur mit einschneidenden persönlichen, sondern auch mit erheblichen sozioökonomischen Konsequenzen einher. Individuelle Folgen der Osteoporose und der daraus entstehenden Frakturen reichen von Schmerzen [6, 7], eingeschränkter Mobilität [8] und verminderter Lebensqualität [9] bis hin zu einer erhöhten Mortalität [10, 11]. Von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind vor allem die hohen krankheitsbedingten Ausgaben der Gesundheitssysteme. In der EU beliefen sich die Osteoporose-bedingten Kosten auf 30,7 Milliarden Euro, was 3,5 Prozent der Gesamtausgaben entspricht [12].
Die Screeningrate für Risikopatienten liegt noch immer unter 50 Prozent
Die Osteoporose ist trotz ihrer hohen Prävalenz immer noch eine unterdiagnostizierte und nicht ausreichend therapierte Erkrankung. Selbst unter Patienten mit identifizierten Risikofaktoren oder manifester Osteoporose ist die Screeningrate mit unter 50 Prozent gering [13]. Die Diagnose stellt sich aus der Anamnese, klinischen und laborchemischen Untersuchung (W Tabelle 1) sowie dem Ergebnis der Knochendichtemessung (Basisdiagnostik). Bei Auftreten von Indikatorfrakturen ist eine manifeste Osteoporose anzunehmen. Hierzu zählen aktuell [14]:
- proximale Femurfraktur
- distale Radiusfraktur
- proximale Humerusfraktur
