Fortbildung aus CHAZ 3-2018

Kathrin Kehrer, Thorsten Walles

Cyriax-Syndrom: Wenn Rippen aus der Reihe tanzen

Bereits 1922 monierte der Chirurg Davies-Colley, dass ein schon 1907 beschriebenes thorakales Schmerzsyndrom, das er wiederkehrend bei seinen Patienten antraf,  unter welchem diese mitunter Monate und Jahre zum Teil immobilisierende Schmerzen litten, in der medizinischen Literatur nicht adäquat abgebildet wird: Das Cyriax-Syndrom [1, 2]. An dieser Situation hat sich heute – nahezu 100 Jahre später – fast nichts geändert.Das Cyriax-Syndrom ist eine ungewöhnliche Ursache für wiederkehrende Brustwand- und Oberbauchschmerzen oder Flankenschmerzen. Die Diagnose ist schwierig zu stellen und erfordert den Ausschluss anderer Schmerzursachen aus den Bereichen der Gastroenterologie, Kardiologie, Pneumologie und Urologie. Ursachen für die Schmerzen sind die Hypermotilität der kartilaginären Anteile der Rippen 8 bis 10 als Folge einer Schädigung ko sto-chondraler Bandverbindungen oder eine kartilaginäre Dislokation am Rippenbogen mit einer bewegungsabhängigen (Sub-)Luxation von Knorpelanteilen. Der Schmerz ist vermutlich Folge des Drucks der aus ihren Bandverbindungen gelösten Rippenknorpel auf die Pleura parietalis und/oder einen Interkostalnerven. In der englischsprachigen Literatur wird das Krankheitsbild sehr anschaulich als „Slipping rib syndrome“ beschrieben.

Die intensiven Schmerzen werden von den Patienten als intermittierende scharfe Stiche beschrieben

Die Schmerzen im Bereich eines Rippenbogens treten bei den Patienten typischerweise bei bestimmten Tätigkeiten (wie Sport oder körperliche Arbeit) auf und können mitunter durch definierte Bewegungen provoziert werden. Die intensiven Schmerzen werden von den Patienten als intermittierende scharfe Stiche beschrieben, die von einem monotonen konstanten Schmerz abgelöst werden, der von wenigen Stunden bis einigen Wochen anhalten kann [3]. Die Schmerzintensität variiert von einem lästigen Druckgefühl bis hin zu immobilisierenden Schmerzen. Mitunter strahlen die Schmerzen von ihrem kosto-chondralen Ursprungsort in die vordere Brustwand oder den Rücken aus. Die Schmerzen können durch bestimmte Körperhaltungen oder Bewegungen gesteigert werden: Liegen und Umdrehen im Bett, Aufstehen von einem Stuhl, Strecken, Heben von Gegenständen, Rumpfbeugung und -drehung, Husten, Gehen, Tragen von Lasten. Dieser Umstand beeinträchtigt sportliche Aktivitäten, die mit einer Rumpfdrehung und vertiefter Atmung einhergehen, insbesondere Laufen, Reiten und Schwimmen. Die Schmerzen können so stark sein, dass die Patienten ihre sportlichen Aktivitäten einstellen [3].

Die kosto-kartilaginäre Störung ist weder im CT noch im MRT zu erkennen

Gelegentlich geht den Schmerzen anamnestisch ein thorakales Trauma oder ein allgemeinchirurgischer Eingriff voraus. Die Beschwerden treten aber auch bei Kindern und Jugendlichen spontan (bzw. ohne erinnerliches Thoraxtrauma) auf. Der von dem Patienten gut lokalisierbare Schmerzort am unteren Thorax/im Oberbauch/in der Flanke projiziert sich auf Schmerzpunkte im klinischen Alltag häufiger angetroffener viszeraler Erkrankungen und führt deshalb oft zu letztlich unnötigen Laboruntersuchungen, Bildgebungsverfahren und diagnostischen Operationen. Die kosto-kartilaginäre Störung ist weder im CT noch im MRT zu erkennen und die bildgebenden Verfahren nutzen nur zum Ausschluss anderer Schmerzursachen. Bei der klinischen Untersuchung des schmerzenden Rippenbogens ist bei vielen Patienten mit Hilfe des „Hooking-Manövers“ die Dislokation des betroffenen Rippenknorpels provozier- und tastbar. Bei einem Teil der Patienten ist das Aneinanderstoßen des dislozierten Knorpel­anteiles sogar hörbar.

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