Fortbildung aus CHAZ kompakt März 2023

Henning Niebuhr

Die Sportlerleiste – was ist das überhaupt? 

Die sogenannte Sportlerleiste oder „weiche Leiste“ ist eine häufige Verletzung bei professionellen Sportlerinnen und Sportlern. Personen mit einer sogenannten „weichen Leiste“ leiden unter zumeist neuropathischen Schmerzen (Ziehen, Stechen, Brennen) im Bereich der betroffenen Leiste, vor allem bei körperlicher Belastung. Allerdings ist nicht jeder Leistenschmerz durch eine Hernie verursacht oder als „weiche Leiste“ zu diagnostizieren. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Publikationen zum Thema [1–5]. Hervorzuheben sind in Deutschland die Arbeiten von Ulrike Muschaweck, Andreas Koch und Jens Krüger, auf denen dieser Beitrag basiert [6, 7].

Der Leistenschmerz tritt überwiegend bei aktiven Sportlern und Sportlerinnen auf

Aktivitätsabhängige Schmerzen im unteren Bauch, in der Leistengegend, mit Ausstrahlung bis in die Oberschenkelinnenseite können Anzeichen für eine Leistenzerrung oder eine Sportlerleiste sein. Die Schmerzen können zum Beispiel plötzlich beim Sport entstehen oder auch langsam zunehmen, was für eine chronische Überlastung spricht [6]. Eminent wichtig ist es, einen „Leistenschmerz“ detailliert zu untersuchen und die mannigfaltigen Pathologien, die ursächlich für die Leistenschmerzen sein können, durch eine zielgerichtete Anamnese, sorgfältige klinische Untersuchung, die Sonographie sowie durch eine MRT auszuschließen bzw. voneinander abzugrenzen. Denn trotz der Häufigkeit von Leistenschmerzen bei Sportlerinnen/Sportlern besteht nach wie vor eine große diagnostische Unsicherheit – was die die extrem schwankende Häufigkeit bei der Diagnosestellung einer „weichen Leiste“ bei Sportlerinnen/Sportlern mit Leistenschmerzen (2–50 %) widerspiegelt. Nach wie vor fehlen klare Begriffsdefinitionen, so dass eine Vermengung von Diagnosen wie „weiche Leiste“, Sportlerleiste, Osteitis pubis, Pubalgia athletica etc. auch in der Literatur sehr verbreitet ist. Dabei ist die klare Differenzierung der zugrundeliegenden Pathologie entscheidend, um unnötige Operationen zu vermeiden, dauerhaften Schäden vorzubeugen und den Betroffenen eine zielgerichtete Therapie zukommen zu lassen [6].

Ursächlich ist eine umschriebene Schwäche im medialen Anteil der Leistenkanalhinterwand

Muschaweck und Koch definieren die Sportlerleiste als eine umschriebene Schwäche im medialen Anteil der Leisten­kanalhinterwand [7]. Hierdurch kommt es zu einer lokalisierten Vorwölbung der Transversalisfaszie nach ventral in den Leistenkanal hinein (bulge). Dies führt bei Anspannung der Bauchdeckenmuskulatur und bei abrupten Bewegungen zu einem für die Sportlerleiste typischen (neuropathischen) Schmerz, der durch Kompression des Ramus genitalis des
N. genitofemoralis hervorgerufen wird (→ Abb. 1a).
Darüber hinaus führt diese Schwäche der Leisten­kanalhinterwand zu einer Erweiterung des Leistenkanals mit Retraktion des lateralen Anteils des M. rectus abdominis an seinem Ansatz am Os pubis (→ Abb. 1b). Dies erklärt die lokalisierten Schmerzen und in der Folge die häufige Entwicklung eines Knochenmarködems im Bereich des Os pubis (Pubalgia athletica, Osteitis pubis). Dieser pathophysiologische Ansatz deckt sich mit den Ergebnissen von Swan und Wolcott, die in einer Übersichtsarbeit vor allem eine Schwäche in der Hinterwand des Leistenkanals als Ursache für die chronischen, aktivitätsbezogenen Leistenschmerzen beschreiben.
Nach Krüger versteht man unter einer Sportlerleiste – ausgehend vom abdominal-chirurgischen Verständnis der Leistenregion und der dort adressierten Pathologie des Leistenbruchs – eine Frühform des medialen Leistenbruchs [6]. Allgemein hat man sich deshalb darauf geeinigt, von einer Sportlerleiste immer dann zu sprechen, wenn eine beginnende Instabilität der Hinterwand des Leistenkanals palpatorisch getastet oder im Ultraschall nachgewiesen werden kann. Diese fasziale Instabilität im Bereich der Hinterwand des Leistenkanals (→ Abb. 1a) verursache eine Reizung der Leistennerven (Ramus genitalis des N. genitofemoralis, N. ilioinguinalis) [6].
Klar hervorgehoben wird in beiden Definitionen die Leistenhinterwandschwäche in Folge einer bei professionellen Sportlerinnen/Sportlern maximal trainierten umgebenden Muskulatur sowie der neuropathische Charakter der Schmerzen – hervorgerufen durch die Bedrängung der Nn. ilioinguinalis und genitofemoralis im Leistenkanal durch das Bulging der Transversalisfaszie. Die Abbildungen 1 a und b zeigen das pathophysiologische Geschehen deutlich [7].


Abbildung 1: a) Die fasziale Instabilität im Bereich der Hinterwand des Leistenkanals verursachte eine Reizung der Leistennerven (N. genitofemoralis, N. ilioinguinalis) und ihrer Äste. b) Erweiterung des Leistenkanals mit Retraktion des lateralen Anteils des M. rectus abdominis an seinem Ansatz am Os pubis. (©Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Ulrike Muschaweck, München)

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