Medizingeschichte aus CHAZ 2-2019

Georg-Michael Fleischer

Der Hintern – Plaudereien über ein markantes Körperteil

An Anfang soll die eher banale Feststellung stehen, dass sich, wie vieles andere auch, das weibliche vom männlichen Hinterteil deutlich unterscheidet. Bei Männern rechnet man mit rund 20000 Fettzellen, das Profil ist deutlich muskulär geprägt und damit relativ gleichförmig. Beim weiblichen Körper ist die Menge der Fettzellen mindestens doppelt so groß, das schafft Rundungen und eine große Vielfalt von Formen, die dieses Körperteil bei den Frauen so attraktiv, anziehend und interessant sein lassen. Ich muss mich bei den Leserinnen entschuldigen, aber aus den meisten von Ihnen sicher verständlichen Gründen gilt daher das Augenmerk (im wahrsten Sinne des Wortes) bei den folgenden Darstellungen weit überwiegend den weiblichen Ausführungen dieses Körperteils, obwohl man sagen muss, dass für bestimmte Vorlieben, die ja heutzutage nichts Besonderes mehr sind, auch der männliche Teil durchaus von größerem Interesse sein kann. Vor kurzem noch als unspektakulär betrachtet, hat sich angesichts der gegenwärtigen Diskussionen in der Öffentlichkeit das Thema indes von einer harmlosen Plauderei zu einer lebens- und existenzbedrohenden Materie entwickelt. Legt man die als Sexismus apostrophierten Bemerkungen eines prominenten Politikers zugrunde und setzt diese als Maßeinheit „eins“, also ein Brüderle, so muss ich Sie pflichtschuldig darüber in Kenntnis setzen, dass die folgenden Bemerkungen mit mindestens 6,8 bis 7,2 Brüderle einzustufen sind.

Schon in den ältesten kulturellen Überlieferungen galt der Hintern als Symbol für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Erotik
Über Anatomie, Muskulatur u. ä. kann ich mir in diesem Leserkreis wohl jegliche Ausführungen ersparen, allerdings soll darauf hingewiesen werden, dass hier, sehr zum Ärger mancher Mitbürger, nach dem Bauch das größte Fettdepot des Körpers zu finden ist. Während diese Tatsache in unseren Landen immer wieder zu neuen Ärgernissen führt – ich erinnere nur an die Vorschläge zur Änderungen der Berechnung von Flugtickets nach dem Gewicht des Reisenden – erfuhr ein großer und prächtiger Hintern in anderen Kulturen durchaus eine andere Bewertung. Gerade in Regionen mit Nahrungsnotstand und Mangelernährung, wie bei den Hottentotten-Stämmen in Südwestafrika, war er ein Ausdruck von Wohlstand, genoss große Wertschätzung und war sogar ein Schönheitsideal. Nicht zuletzt deshalb, weil er seiner Trägerin zu dem wiegenden Gang einer Löwin verhalf. Ein solches Exemplar; wie hier vorgestellt, konnte bei der Verheiratung eine üppige Auffrischung der Familienkasse bringen.
Schon immer, solange die Menschen so etwas wie Kultur besitzen, wurde der Hintern wohl als etwas Besonderes angesehen und damit auch bildlich dargestellt, die Zahl der Skulpturen scheint unüberschaubar. So verwundert es nicht, dass bereits aus dem jüngeren Paläolithikum die kleinen Figurinen bekannt sind, von denen die Venus von Willendorf sicher die berühmteste ist. Aber auch in Südfrankreich oder der Slowakei und vielen anderen Fundorten wurden diese Darstellungen entdeckt, sie alle zeigen ausgeprägte Darstellungen eines prominenten Gesäßes, was vermuten lässt, dass bereits damals wie bis in unsere Zeit dieses Körperteil als Symbol für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Erotik zu sehen war.
Es würde zu weit führen, die Darstellungen des Gesäßes durch alle Kulturepochen zu verfolgen, was anhand bildlicher und figürlicher Belege durchaus möglich wäre, daher kann lediglich mit einem großen zeitlichen Sprung in das antike Zeitalter auf die Venus von Milo verwiesen werden, die ein ganz anderes Schönheitsideal verkörperte. Wir sehen im Gegensatz zu den steinzeitlichen Vorstellungen eine ausgewogene wohlproportionierte Figur ohne die übermäßige Betonung des Hinterteils.

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