Unreifestatus von Frühgeborenen ist mit Strabismus im Erwachsenenalter assoziiert

Dazu wurden zum einen die medizinischen Daten aus der perinatalen Betreuung wie Geburtsgewicht, Gestationsalter, Vorliegen einer ROP, Faktoren wie Präeklampsie bei den Müttern ausgewertet, zum anderen erfolgten orthoptische Untersuchungen zur Diagnose und Klassifizierung eines Strabismus statt. Die Studienkollektiv bestand aus 310 vor Termin geborenen Personen und 140 termingerecht Geborenen als Kontrollgruppe, insgesamt wurden 892 Augen auf Strabismus und Nystagmus untersucht.

Die Studienteilnehmer wurden in 6 Gruppen eingeteilt: Kinder mit einem Gestationsalter von 37 Wochen und mehr (Gruppe 1, die Kontrollgruppe), Kinder mit einem Gestationsalter zwischen 33 und 36 Wochen ohne ROP (Gruppe 2), Kinder mit einem Gestationsalter zwischen 29 und 32 Wochen ohne ROP (Gruppe 3), Kinder mit einem Gestationsalter von 28 Wochen und weniger ohne ROP (Gruppe 4), Kinder mit einem Gestationsalter von 32 Wochen und weniger mit einer unbehandelten ROP (Gruppe 5) und Kinder mit einem Gestationsalter von 32 Wochen und weniger mit einer behandelten ROP (Gruppe 6).

Die Prävalenz eines Strabismus im Erwachsenenalter betrug 2,1 % (in der Kontrollgruppe), 6,6% (Gruppe 2), 17,1% (Gruppe 3), 11,1% (Gruppe 4), 27,1% (Gruppe 5) und 60% (Gruppe 6). Die Esotropie war die mit Abstand häufigste Schielform, in der Kontrollgruppe bei zwei Dritteln der Kinder, in den Gruppen 4, 5 und 6 waren alle Schieler esotrop. Der wichtigste Risikofaktor für das Entwickeln eines Strabismus waren Fehlsichtigkeiten. So wurde in der multivariaten Regressionsanalyse eine „Odds ratio“ (OR), ein Schielen zu entwickeln, für eine Anisometropie von 1,5 dpt (und mehr) von 3,87 errechnet. Bei einem Astigmatismus von 1,5 dpt (und mehr) betrug die OR 2,73 und bei Hyperopie von 2 dpt (und mehr) lag die OR bei 9,98. Der mit Abstand deutlichste Risikofaktor war das Auftreten von perinatalen Komplikationen wie zum Beispiel intraventrikuläre Blutungen und/oder nekrotisierende Enterokolitis und/oder moderate oder schwere bronchopulmonale Dysplasie mit einer OR von 15,8.

Die meisten Patienten entwickelten den Strabismus innerhalb der ersten 10 Lebensjahre, weshalb die Autoren ein Screening auf Strabismus im Kindesalter bei dieser Hochrisikogruppe anregen, um ggf. mit einer rechtzeitigen Schielbehandlung Amblyopien vorzubeugen.

Fieß A et al (2024) Prevalence of strabismus and risk factors in adults born preterm with and without retinopathy of prematurity: results from the Gutenberg Prematurity Eye study. Br J Ophthalmol 108: 1590–1597