Neue Antidiabetika: Nutzen größer als die Risiken für die Netzhaut, sichere Daten fehlen

In einer Post-hoc-Analyse von Sustain-6 war eine Verschlechterung der diabetischen Retinopathie unter Semaglutid assoziiert mit dem Ausmaß und der Geschwindigkeit der Blutzuckerverbesserung bei Patienten mit vorbestehender Retinopathie, einer schlechten glykämischen Ausgangskontrolle und bei Patienten häufiger, die gleichzeitig mit Insulin behandelt wurden.

Patienten unter Semaglutid-Behandlung, bei denen ein unerwünschtes Ereignis in Zusammenhang mit der diabetischen Retinopathie auftrat, wiesen in Woche 16 eine Senkung des HbA1c-Wertes um 1,9 % bei einer Dosis des Wirkstoffes von 0,5 mg und um 2,5 % bei einer Dosis von 1,0 mg auf, verglichen mit 0,9 % und 1,3 % in der 0,5 mg- bzw. 1,0 mg-Plazebogruppe. In einer anderen Studie wies eine orale Formulierung von Semaglutid keine Risikopotenzial mit Blick auf eine bestehende diabetische Retinopathie auf.

Tirzepatid, ein dualer Rezeptor-Agonist für GLP1 und GIP,  war in einer ersten Studie unter der Bezeichnung Surpass-1 nicht mit einer während der Behandlung auftretenden diabetischen Retinopathien assoziiert. In einer weiteren Studie, Surpass-2, mit 1.879 Patienten und unterschiedlichen Dosierungen traten über 52 Wochen Verschlechterungen einer diabetischen Retinopathie insgesamt selten auf – zwischen 0,4 und 1,1%.

Noch einen weiteren Rezeptor, den für Glukagon (zusätzlich zu GLP1 und GIP), deckt der Triple-Agonist Retatrutid ab. Unter der höchsten getesteten Dosierung verzeichneten die Patienten binnen 24 Wochen eine Abnahme des Körpergewichts um rund 10%. Daten zur retinalen Sicherheit werden erst mit dem Abschluss von Phase 3-Studien erwartet. Der SGLT2-Inhibitor Empagliflozin hat in einer frühen Studie gegenüber Plazebo über 12 Wochen das Risiko mikrovaskulärer Komplikationen um 38% reduziert. Der Schwerpunkt lag allerdings auf nephrologischen Aspekten. In einer Post-hoc-Analyse war Empagliflozin nicht mit Glaskörperblutungen, erhöhter Notwendigkeit für Laserbehandlung, intravitreale Injektionen und von Diabetes mellitus verursachter Erblindung assoziiert.

Rithwick Rajagopal und Janet McGill von der Washington University geben folgende Zusammenfassung und Empfehlung ab: „Bislang haben keine speziellen Sicherheitsstudien bewiesen oder widerlegt, dass Semaglutid und andere neuartige Antihyperglykämika nachteilige Auswirkungen auf die Gesundheit der Netzhaut haben. Ergebnisse aus solchen Sicherheitsstudien werden voraussichtlich erst in einigen Jahren vorliegen. Bis diese Daten zur Verfügung stehen, plädieren wir für ein umfassendes Netzhautscreening vor der Einführung von neuen Antihyperglykämika in die Therapie eines Patienten. Für den behandelnden Augenarzt sollte gelten: Ausgewählte Hochrisikopatienten mit schwerer präproliferativer Erkrankung können mit einer aggressiven antivasogenen intravitrealen Therapie behandelt werden."

Rajagopal R et al (2024) Novel agents in the management of diabetes and risk of worsening diabetic retinopathy. Retina 44: 1851–1859