Demenz bei Kindern: Gentherapie gegen Erblindung erfolgreich in In-vitro-Modell getestet

Das Bild links zeigt das Netzhautorganoid mit den für die CLN2-Erkrankung typischen toxischen Lipofuszinablagerungen (grün), die die Photorezeptoren (rosa) beeinträchtigen. Nach der Gentherapie (rechts) sind fast keine Ablagerungen mehr zu sehen. Foto: Kevin Achberger

Die neuronale Ceroid-Lipofuszinose Typ 2 (CLN2) ist eine sehr seltene erbliche Form der Demenz bei Kindern, die durch Mutationen im TPP1-Gen verursacht wird. Bei den Betroffenen degenerieren sowohl Gehirn als auch Netzhaut bereits im Kleinkindalter. Innerhalb weniger Jahre erblinden die Kinder, deren Lebenserwartung ohne Behandlung bei maximal 12 Jahren liegt, vollständig. Während das Fortschreiten mancher Symptome aktuell zumindest verlangsamt werden kann, gibt es bislang keine Therapie gegen den Rückgang des Sehvermögens.

Die Wende könnte Tübinger Forscherinnen und Forscher vom Institut für Neuroanatomie & Entwicklungsbiologie und dem Institut für Biomedical Engineering gelungen sein, die erfolgreich eine Gentherapie an einem komplexen und besonders realitätsnahen Modell der menschlichen Netzhaut getestet haben. In dem Plastikchip von der Größe eines 1-Euro-Stücks konnten sie die bei CLN2 typischen Lipofuszinablagerungen nachweisen und eine von Tern Therapeutics entwickelte Gentherapie (TTX 381) testen. Dabei wird ein Adeno-assoziierter Virus-Vektor quasi als Shuttle genutzt, um eine intakte Kopie des fehlenden TTP1-Gens in die Netzhautzellen zu übertragen. Tatsächlich zeigten sich bei dem sogenannten Retina-Organoid aus Stammzellen in Kombination mit einem „Retina-on-Chip“-Modell zwei Ergebnisse: Die Produktion des fehlenden Enzyms konnte wiederhergestellt werden und die schädlichen Lipofuszinablagerungen traten entweder gar nicht erst auf oder gingen zumindest zurück.

Aufgrund dieser Ergebnisse wurde direkt eine klinische Studie für Kinder mit CLN2-bedingten Netzhautschäden genehmigt – ohne vorherige Tierversuche zur Wirksamkeitsprüfung. Erste Zwischenergebnisse der in England durchgeführten Studie belegen, dass die Gentherapie nicht nur eine Stabilisierung des Sehvermögens bewirken kann, sondern sogar eine Verbesserung. Parallel dazu arbeitet Tern Therapeutics an einer zweiten Gentherapie mit dem Ziel, auch die Lebenserwartung der betroffenen Kinder zu verlängern.