Notaufnahmen entlasten: Mehr Struktur vor dem Gang in die Notfallversorgung

Gemeinsame Erklärung des BVOU und der DGOU: Orthopäden und Unfallchirurgen fordern im Zuge der anstehenden Notfallreform eine verbindliche Patientensteuerung vor Inanspruchnahme der Notfallversorgung. Kern ihrer Forderung ist ein Ticket-System: Nur Patienten, bei denen eine digitale oder telefonische Ersteinschätzung einen akuten Behandlungsbedarf ergibt, erhalten ein Ticket für die Notaufnahme. Wer mit einer Bagatellerkrankung ohne vorherige Einschätzung eine Notaufnahme oder -ambulanz aufsucht, soll künftig eine Selbstzahler-Gebühr entrichten. „Notfallstrukturen müssen für diejenigen offenstehen, die medizinische Hilfe dringend benötigen – schnell und kostenfrei“, sagt Prof. Dr. med. Bernd Kladny, DGOU-Generalsekretär. „Ohne Verbindlichkeit und Konsequenzen bleibt Patientensteuerung wirkungslos. Das ist keine Strafe, sondern dient der Entlastung der Notfallversorgung“, ergänzt BVOU-Präsident Dr. med. Burkhard Lembeck. Schon lange besteht das Problem, dass viele Patienten mit Bagatellerkrankungen direkt Notaufnahmen aufsuchen und diese dadurch am Limit arbeiten müssen. Das bindet dringend benötigte personelle und strukturelle Ressourcen. Über 40 Prozent der ungesteuerten Fälle in einer ZNA betreffen Orthopädie und Unfallchirurgie [1]. Der Handlungsbedarf ist groß: Allein 2024 gab es in Deutschland rund 13 Millionen ambulante Notaufnahmefälle [2]. „Schätzungen zufolge sind bis zu 39 Prozent davon medizinisch nicht dringend, viele dieser Beschwerden könnten ambulant versorgt werden. Seit vielen Jahren wissen wir, dass ungesteuerte Bagatellfälle die Notfallversorgung blockieren. Ohne verbindliche Steuerung wird es nicht zu einer wirksamen Umsetzung der Reform kommen“, sagt der neue DGU-Generalsekretär Prof. Dr. med. Sascha Flohé, zugleich stellvertretender DGOU-Generalsekretär. Eine verbindliche Ersteinschätzung vor dem Aufsuchen einer ZNA solle digital oder telefonisch über eine Leitstelle erfolgen, ergänzt durch ein Ticket-System zur gezielten Patientensteuerung. Nur bei akuten und zeitkritischen Fällen werde ein Ticket ausgestellt. Weniger dringliche Anliegen würden gezielt an Haus-/Facharztpraxen weitergeleitet oder eine Selbstbehandlung angeraten. Wer dringend medizinische Hilfe brauche, dürfe nicht in der Warteschlange für Bagatellfälle stehen. Eine strukturierte Ersteinschätzung mit Ticket-System schaffe Verlässlichkeit für Patienten ebenso wie für medizinisches Personal, heißt es weiter aus dem BVOU-Vorstand. Eine Selbstzahler-Gebühr solle einen Lenkungseffekt haben, keinen Strafcharakter. DGOU und BVOU schlagen vor, die Gebühr im Nachgang über die Abrechnung mit den Krankenkassen abzuwickeln, womit vom Inkasso entlastet würde. Über die konkrete Ausgestaltung müsse der Gesetzgeber entscheiden. Gebühren und Steuerungsinstrumente für nicht dringliche Notfallbehandlungen seien international erprobt. Ein Blick in andere europäische Länder zeige, dass solche Modelle zur Patientenlenkung beitragen können: In den Niederlanden regle das ein konsequentes Triage- und hausarztbasiertes Steuerungssystem – in Frankreich und Schweden gäbe es Zuzahlungsmodelle für Notaufnahmen, die mit weiteren Steuerungsmechanismen kombiniert seien.

Weitere Info: www.bvou.net, www.dgou.de


1.     Biberthaler P,· Förschner L, Gehring C, et al (2019) Stellenwert der Unfallchirurgie für die Notaufnahmen einer deutschen Millionenstadt – Eine Auswertung von 524.716 Notfallpatienten. Unfallchirurg 122: 44–52 doi.org/10.1007/s00113-018-0577-5
2.     Statistisches Bundesamt (2025) 13 Millionen Behandlungen in Notfallambulanzen im Jahr 2024. PM 3.12.2025. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_N069_23.html